Motivation: Jeder hat seine Geschichte

Heute möchte ich über inspirierendes und gleichzeitig ernstes Thema schreiben, was mir schon lange am Herzen liegt. Es geht darum, wie schnell wir in Vorurteile abdriften und uns eine Meinung über andere Menschen bilden. In letzter Zeit ist mir im Fitnessstudio und bei Gesprächen mit meinen Klienten immer wieder aufgefallen, wie oft die meisten Menschen über andere herziehen – sei es mit Worten oder auch nur in Gedanken … Gerade jetzt im Januar, wo das Fitnessstudio aufgrund zahlreicher guter Vorsätze so voll wie nie ist, sieht man viele neue Gesichter – davon nicht wenige, die nun nach der Weihnachtszeit mit ein paar überflüssigen „Kekskilos“ zu kämpfen oder scheinbar schon seit längerem Probleme mit Ihrem Gewicht haben. Aber natürlich sind auch die muskelbepackten Bodybuilder und durchtrainierten Vorzeigeathleten am Start. Gerade wenn man zur letzteren Gruppe gehört, tendiert man leider schnell dazu, sich über die erste Gruppe lustig zu amüsieren und diese zumindest abschätzig zu belächeln …

Mut verdient Anerkennung, keinen Spott

Schauen wir uns dazu ein fiktives Beispiel an (den Namen habe ich zufällig gewählt und er steht in keiner Beziehung zu einer real existierenden Person).

Martina steht nun seit 20 Minuten auf dem Laufband im Fitnessstudio und ist vollkommen außer Atem. Das ist das erste Mal in den letzten 6 Monaten, dass sie Sport treibt. Sie besitzt ein paar sichtbare Kilos zu viel und hat schon mit verhältnismäßig langsamem Tempo auf dem Laufband große Mühe. Hinter Ihr an den Hantelbänken steht eine Gruppe Jungs, die immer wieder unauffällig zu ihr rüber nicken und breit grinsen. Eine zeigt sogar mit dem Finger auf Martina, während ein anderer ihren Gang nachahmt. Es sieht aber auch zu ulkig aus, wie sie da auf dem Laufband watschelt. Fast wie eine Ente mit überdimensioniertem Hinterteil. Ein Erdbeben könnte das Laufband auch nicht stärker erzittern lassen. Und dann schwitzt sie auch noch wie ein defekter Wasserspeier. Und erst diese fettigen Haare und die zerschlissene Sportkleidung …

Martina hatte keine leichte Kindheit. Schon als sie noch ein Kind war, hat sie ihre Eltern kaum zu Gesicht bekommen. Ihr Vater war meist bis in die späten Abendstunden auf der Arbeit und wenn er dann doch mal zu Hause war, haben er und ihre Mutter sich eigentlich nur gestritten. Ihre Mutter hingegen hat ihren Ehefrust dadurch verdrängt, dass sie sich lieber mit Freundinnen traf, als mit ihrem eigenen Kind zu spielen. Dafür war schließlich auch die Haushälterin gut genug. Martina war ein soziales Kind, sie hat es geliebt sich mit Freundinnen zu treffen und die Gegend unsicher zu machen. Leider litten oft ihre schulischen Leistungen darunter. Hinzu kam, dass Martina sich im Unterricht oft ablenken ließ und somit schnell in Ungnade bei ihren Lehrern fiel. Die Eltern hatten schließlich besseres zu tun als sich mit ihrem Kind hinzusetzen und zu lernen …

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Martina bleibt ein Mal sitzen und als Sie es dann nicht mal auf das Gymnasium geschafft hat, fängt sie an, an sich zu zweifeln. Auch von den Eltern kommt plötzlich Druck, sie solle sich gefälligst anstrengen, sonst würde schließlich niemals etwas aus sich werden. Auch hat sie kaum noch Freundinnen, schließlich wollen die „coolen Kids“ nicht mit jemandem abhängen, der so unselbstbewusst und introvertiert ist, wie Martina. Martina fängt an, Geschichten zu erfinden – schöne Geschichten, die sie in einem besseren Licht darstellen lassen sollen. Doch sowohl die Lehrer als auch die anderen Kinder durchschauen ihre Lügen und so wandert Martina nur noch weiter ins Abseits. Verzweifelt, beschämt und jeglichen Selbstbewusstseins beraubt, fängt Martina an zu essen. Viel zu essen. Nach einer Tafel Schokolade sieht die Welt gleich wieder viel rosiger aus. Doch die Wirkung lässt schnell nach. Also am besten noch eine Packung Pralinen hinterher, um die aufkommende Trauer zu ersticken. Am nächsten Tag in der Schule wirft Ihr Timo dann mal wieder einen fiesen Spruch an den Kopf. Den ganzen Tag muss sie darüber nachdenken. Timo, ausgerechnet Timo, in den sie sich doch heimlich verguckt hatte. Nun, vielleicht helfen ja eine Tüte Chips und eine Packung Schokoladenkekse gegen diesen fiesen Kloß im Bauch. So geht es immer weiter, Martina isst immer mehr, worunter natürlich auch ihre Figur leidet. Das wiederum schiebt sie noch weiter ins Abseits bei den anderen Jugendlichen, die nun noch zusätzliches Futter bekommen um auf Martina herumzuhacken. Sie will eigentlich nur mitspielen, oder von ihren Eltern gefragt werden ob alles okay ist … aber keiner fragt sie. Und keiner merkt etwas. Es merkt auch keiner, dass sie inzwischen fast täglich heimlich nach der Schule im Supermarkt um die Ecke neue Süßigkeiten kauft. Schließlich interessiert sich keiner für sie. Wahrscheinlich könnte sie einfach so verschwinden und niemand würde etwas sagen.

Nachdem es einige Jahre so weiter gegangen ist, hat Martina nun endlich beschlossen, Schluss zu machen und ihr Leben grundlegend zu verändern. Noch nie hatte sie einen Freund. Und das ist auch kein Wunder, schließlich fühlt sie sich selbst so unwohl in ihrem Körper, dass sie mittlerweile niemanden mehr so wirklich nahe an sich heran lässt. Wenigstens steht ihre gute Freundin Tina, die zusammen mit Ihr eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau gemacht hat, immer zu ihr. Sie war es auch, die Martina überredet hat sich gemeinsam mit ihr im Fitnessstudio anzumelden und sich gesünder zu ernähren. Seit zwei Wochen macht Martina nun schon eine Diät. Mit überschaubarem Erfolg. Immer wieder bekommt sie Heißhunger auf Süßigkeiten und Fast Food, schließlich hat sich ihr Körper über die Jahre schon so an die ungesunde Kost gewöhnt, dass er nun nicht mehr darauf verzichten möchte. Und vor dem Fitnessstudio hat Martina panische Angst. Angst vor den Blicken der anderen, Angst davor sich mal wieder lächerlich zu machen. Und dennoch nimmt sie all ihren Mut zusammen, packt Ihr Sporttasche und fährt nach der Arbeit ins Studio. Das Herz schlägt Ihr bis zum Hals als sie durch die Eingangstür tritt und den Vorraum betritt. In der Umkleidekabine angekommen, wartet sie bis sie keiner sehen kann und zieht sich dann in Windeseile um – schließlich soll niemand ihre Speckpolster zu Gesicht bekommen. Kurz überlegt sie noch, sich doch wieder umzuziehen und schnell nach Hause zu fahren. Auf dem Sofa mit einer Tafel Schokolade wäre es bestimmt viel gemütlicher.

„Nein, diesmal nicht!“ Martina überwindet sich. Obwohl sie panische Angst hat möchte sie ihn nun endlich wagen, den Sprung in ihr Leben. Also nimmt sie ihr Handtuch, läuft zum letzten freien Laufband im Studio und stellt ein leichtes Programm zum Fettabbau ein. 25 Minuten sollten doch machbar sein …

Nach dem Training fühlt sich Martina gut, sehr gut sogar. Was für ein befreiendes Gefühl! Vielleicht schafft sie es ja doch, ihren Körper auf Normalgewicht zu bringen. Dann wird in Zukunft bestimmt alles besser – ja bestimmt wird es das! Sie steigt vom Laufband und bemerkt aus dem Augenwinkel eine Gruppe sportlicher Jungs in Muskelshirts. Lächeln sie ihr etwa zu? Der im weißen T-Shirt ist ja wirklich ganz süß. Sie schaut hinüber … doch als sie das tut, drehen sich die Jungs schnell um, klopfen sich gegenseitig auf die Schultern und scheinen heftig zu lachen. Dann wird es Martina bewusst. Sie wird nicht angelächelt, sie wird ausgelacht. Mit hochrotem, gesenktem Kopf läuft sie zurück in die Umkleidekabine, Tränen stehen Ihr in den Augen. Das mit dem Fitnessstudio war wohl doch keine so gute Idee …

Wenn es eigentlich keinen interessiert

Fekir trainiert mal wieder wie ein wahnsinniger. Das ist schon das vierte Mal diese Woche, dass er im Fitnessstudio ist – und es ist erst Mittwoch. Jetzt nur noch ein paar Hantelcurls und dann wäre er für heute mit seinem Workout fertig. Doch leider sind momentan alle Hantelbänke besetzt. Er geht zu einer durchtrainierten, gutaussehenden Blondine, um sie zu fragen, wann sie mit ihrer Übung fertig wäre. Doch schon als er sich ihr nähert merkt er, wie sie ihn abschätzig von der Seite anblickt. Als er sie dann trotzdem anspricht, rümpft sie nur die Nase und sagt: „Verpeste die Luft woanders du Kanake“. Das trifft Fekir bis ins Mark. Erschüttert und zutiefst verletzt dreht er sich um und geht zu den Kabelzügen, wo er zufällig auf Max trifft. Max als Freund zu bezeichnen würde zu weit gehen, schließlich kennt er ihn erst seit kurzer Zeit. Er hat in den letzten Wochen ein, vielleicht zweimal mit seiner Clique abgehangen und schein eigentlich ganz cool drauf zu sein. Sie begrüßen sich überschwenglich, unterhalten sich einige Minuten und Max hilft Fekir sogar bei seiner letzten Übung. Wieder etwas besser gelaunt nimmt Fekir sein Handtuch und seine Wasserflasche und geht in die Umkleidekabinen. Max hingegen trainiert weiter und trifft wenig später auf Thomas, einen guten Freund von Fekir. Auch sie kommen schnell ins Gespräch und nach kurzer Zeit beginnt Max über den Körpergeruch von Fekir zu lästern. Er würde immer so stark stinken, dass man es in seiner nähe kaum aushalten kann. Es dauert nicht lange da befinden sich Max und Thomas in einer angeregten Unterhaltung über Fekirs Geruch, die damit endet, dass beide beschließen Fekir in Zukunft meiden zu wollen.

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Fekir kam mit 3 Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Er lernte schnell Deutsch und kam auch in der Schule relativ gut zurecht. Doch zwei Tage vor seinem 7. Geburtstag starb dann seine Mutter bei einem Autounfall. Sein Vater hat das nie verkraftet und begann schließlich zu trinken. Er trank so viel, dass Fekir in manchmal bewusstlos in der Badewanne oder auf dem Fußboden im Flur fand. Und wenn er sich mal nicht in die Besinnungslosigkeit gesoffen hatte, dann zerfloss er in Selbstmitleid. Fekir hat er nie etwas angetan, doch dieser litt natürlich trotzdem untern den ständigen Sorgen die er sich um seinen Vater machte – nicht unbegründet wie sich herausstellen sollte. Denn nach einigen Jahren starb sein Vater dann und Fekir, noch minderjährig, kam ins Heim. Dort ging es dann schnell und rapide bergab mit ihm. Er wurde immer dünner und entwickelte einen furchtbaren Körpergeruch. Weil er im Heim nicht in die Dusche ging, weil die größeren Kinder ihm Seife in den Mund steckten und ihm die Dusche so lange ins Gesicht halten bis er keine Luft mehr bekommt. In der Schule will keiner mehr neben ihm sitzen, weil er schmutzig ist und stinkt. Alle nennen ihn Kanake, keiner fragt ihn wie es ihm geht. Fekir fühlt sich unendlich einsam. Und er fängt an zu rauchen. Aber keine Zigaretten, nein, er fängt an Crack zu rauchen, weil er denkt, dass es ihn cooler macht und dass er dadurch Anerkennung und Freunde findet. Weder im Heim noch in der Schule kümmert sich jedoch jemand um Fekir und seine Probleme. Es merkt auch keiner, dass er fast gar nicht mehr zur Schule kommt, er könnte wohl einfach so verschwinden und niemand würde etwas sagen.

Doch irgendwie schafft es Fekir, sich durchzubeißen. Er ist ein wahrer Kämpfer. Mit 18 verlässt er das Heim, sucht sich eine eigene Wohnung und hält sich mit diversen Aushilfsjobs über Wasser. Sein spärliches Gehalt reicht zwar nur für eine ausgediente 1-Zimmerwohnung, doch alles ist besser als das Heim. Mit dem Rauchen hat Fekir aufgehört, es hat ja letztendlich doch keinen interessiert. Um nie wieder in eine Situation wie in den Duschen des Kinderheims zu kommen, beginnt er zu trainieren, viel zu trainieren. Er ist versessen darauf stärker und muskulöser zu werden, um sich zukünftig nie wieder herumschubsen lassen zu müssen. Das hat bisher auch gut geklappt und Fekir ist entschlossen die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch vor der Dusche hat er nach wie vor panische Angst. Er hat fast so etwas wie eine Phobie entwickelt und traut sich selbst in seiner eigenen Wohnung nur ganz selten zu duschen. Und wenn er es dann tut, kommen immer wieder diese grausamen Erinnerungen an die Erlebnisse im Heim hoch. Aber bald würde auch damit Schluss sein. Wenn er nur noch ein wenig stärker würde, dann hören sicherlich auch bald dieser grässlichen Erinnerungen auf und er kann sich regelmäßig duschen … hoffentlich.

Fazit

Natürlich sind das nur Beispiele für Billiarden von Geschichten, die zu einem Menschen gehören könnten. Doch führt euch doch beim nächsten Mal, bevor Ihr über jemand anderes denkt oder sprecht – und zwar nicht nur im Fitnessstudio, sondern in eurem gesamten Leben – vor Augen, dass nicht immer alles so ist wie es auf den ersten Blick scheint. Ich glaube, dass viele Menschen nachgedacht hätten, wenn sie die Geschichten von Martina oder Fekir gehört hätten und wenn sie gewusst hätten, was der Grund für das starke Übergewicht oder den üblen Gestank sind. Weil beide eigentlich nur einen Weg für sich gesucht haben, trotz Spott und Verachtung im Leben klarzukommen. Weil beide es nicht so einfach hatten wie andere, „normalen Menschen“. Weil beide auch nur Menschen sind …

2 Kommentare zu „Motivation: Jeder hat seine Geschichte

  1. Grüße Dich, Marvin.
    Fantastischer Beitrag. Echt inspirierend, was manche Leute für ein Schicksal haben und sich doch durchboxen. Hammer.
    Eine kleine Meckerei: Deinem Beitrag hätten ein paar Fettmarkierungen nicht geschadet und ein paar mehr Absätze. Aber das ist nur mein subjektiver Lesegenuss.

    Inhaltlich spitze!

    LG
    René

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