Ernährung: Die Wahrheit über Gluten


Es gibt zahlreiche Menschen, die auf eine glutenfreie Ernährung schwören. Doch was ist überhaupt dran, an all den Schauergeschichten über das „böse“ Gluten und schier ständig steigende Zahl an Menschen mit einer Glutenunverträglichkeit? In diesem Beitrag lassen wir uns nicht von irgendwelchen Hypes oder Trends beeinflussen, sondern gehen dem Thema ganz nüchtern und mit Hilfe der Wissenschaft auf den Grund!

Für die meiste Zeit der letzten 10.000 Jahre war unsere Beziehung zum Weizen eine sehr glückliche Beziehung. Die Menschen hatten mit ihm eine gesunde, zuverlässige Nahrungsquelle parat, die es uns ermöglichte, Dörfer, Städte und ganze Zivilisationen zu errichten. Im Jahr 2011 stellte der Kardiologe William Davis diese Beziehung in Frage, als er als Erster darauf hinwies, dass Weizen, anders als bisher angenommen, vielleicht gar kein gesundes Getreide sein könne, sondern vielmehr das perfekte „chronische Gift“. Ein Jahrzehnt später hält der Trend der glutenfreien Ernährung unvermindert an, ohne, dass viele wissenschaftliche Beweise dafür vorliegen, dass Weizen bzw. Gluten tatsächlich schädlich für den menschlichen Körper ist. Die Frage ist also: Wie (un)gesund ist Gluten wirklich?

Die Geschichten der glutenfreien Ernährung

Laut Davis löst Gluten, ein in Weizen vorkommendes Protein, bei allen Menschen eine subtile Entzündungsreaktion aus, die im Laufe der Zeit eine Kaskade von Wirkungen in Gang setzt, die zu diversen Krankheiten und Gesundheitsproblemen führt. Davis postulierte damals, dass dieses neu entdeckte Problem darauf zurückzuführen sei, dass unser Weizen in den letzten Jahrzehnten stark verändert wurde, um es krankheitsresistenter und einfacher anbaubar zu machen. Sein Buch „Wheat Belly“ wurde zu einem weltweiten Bestseller und löste eine wahren Hype um die glutenfreie Ernährung aus, der dafür gesorgt hat, dass glutenfreie Lebensmittel heutzutage zu einer millionenschweren Sparte in der Lebensmittelindustrie geworden sind.

Die Wahrheit über Glutenintoleranz

Weniger als 1% der menschlichen Weltbevölkerung hat Zöliakie – also eine echte Glutenallergie bzw. Glutenintoleranz. Menschen mit Zöliakie können kein Gluten essen, da es bei ihnen eine erhebliche allergische Reaktion im Darm auslöst, die unter anderem schmerzhafte Krämpfe und Blutverlust im Stuhl verursacht. Aber was ist mit all den anderen Menschen da draußen, die behaupten, sie hätten zwar keine Zöliakie, würden aber dennoch kein Gluten vertragen?

Eine Glutenunverträglichkeit außerhalb einer Zöliakie ist meist ein selbstverschriebenes Symptom, das nicht wirklich in der Biologie verwurzelt ist. Es gibt eine spannende wissenschaftliche Veröffentlichung zum Thema der Glutenunverträglichkeit als kommerziellen Hype, die den Sachverhalt ziemlich gut und prägnant zusammenfasst: „Glutenunverträglichkeit außerhalb einer Zöliakie ist ein klinisches Syndrom, das jedoch keine etablierte biologische Grundlage hat. Derzeit wird diese Glutenempfindlichkeit in der Regel selbst diagnostiziert oder von Heilpraktikern durchgeführt. Die verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass eine große Anzahl von Patienten, bei denen ursprünglich eine Glutensensitivität ohne Zöliakie festgestellt wurde, tatsächlich nicht glutensensitiv ist.“

Die wahren Vorteile der glutenfreien Ernährung

Es wird immer wieder behauptet, glutenfreie Diäten würden uns gesünder und weniger anfällig für Entzündungen und Autoimmunerkrankungen machen. Sogar die sportliche Leistungsfähigkeit soll eine glutenfreie Ernährung verbessern. Beweise dafür? Fehlanzeige! Im Gegenteil, glutenfreie Ernährung kann dem Körper sogar schaden. Eine Studie kam so zum Beispiel zu dem Schluss, dass „es keine Beweise dafür gibt, dass die glutenfreie Ernährung die Magen-Darm-Gesundheit, Immunreaktion oder sportliche Leistung fördert“. Mehrere Autoren sind sogar noch weiter gegangen und haben festgestellt, dass die glutenfreie Ernährung aufgrund der hohen Wahrscheinlichkeit von damit verbundenen Ernährungsmängeln für Sportler absolut nicht empfehlenswert ist. Frauen sind besonders gefährdet, wenn sie sich ausschließlich mit glutenfreien Lebensmittel ernähren, da diese oft zu wenig Eisen und Ballaststoffe enthalten.

Dennoch gibt es diejenigen, die sagen, dass der Wechsel zu einer glutenfreien Ernährungsweise verschiedene Magen-Darm-Symptome gelindert und ihr allgemeines Gesundheits- und Wohlbefinden verbessert hat – und dafür gibt tatsächlich auch einige Beweise. Dieselben Beweise zeigen jedoch auch sehr deutlich, dass das „bessere Gefühl“ nichts damit zu tun hat, dass die Ernährung kein Gluten mehr enthält. Stattdessen haben wissenschaftliche Forschungsarbeiten gezeigt, dass Menschen, die eine Selbstdiagnose für eine Glutenunverträglichkeit stellen, einen extrem signifikanten Placeboeffekt aufweisen, wenn sie ihre Ernährung umstellen. Dies war in allen Studien messbar und wiederholbar.

Die wahre Ursache der meisten Magen-Darm-Beschwerden

Noch wichtiger ist, dass Menschen, die sich glutenfrei ernähren, dazu neigen, ihre Ernährung erheblich einzuschränken, indem sie primär „gesündere Lebensmittel“ wie Obst und Gemüse zu sich nehmen, wodurch am Ende des Tages aber die Lebensmittel weggelassen werden, die tatsächlich die Ursache ihrer Symptome sind. Wenn Menschen beispielsweise zu einer glutenfreien Diät wechseln, schränken sie damit gleichzeitig auch die Aufnahme von FODMAPs (fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Polyole) ein, die insbesondere bei Sportlern mit Magen-Darm-Beschwerden in Verbindung gebracht werden. Manche Menschen können diese kurzkettigen Zucker nicht richtig verdauen, daher gelangen FODMAPs in den Dünndarm, wo sie eine signifikante osmotische Wirkung ausüben und Wasser in den Darm ziehen, was Krämpfe, Schmerzen und Durchfall verursacht. Mehrere Wissenschaftler sehen FODMAPs mittlerweile als die eigentliche Ursache von Magenbeschwerden bei Personen an, die behaupten, eine Glutenintoleranz zu haben – schließlich haben bisherige Forschungsergebnisse ausnahmslos gezeigt, dass die FODMAPs und nicht das Gluten das Problem für diese Menschen sind.

Das Fazit ist, dass Glutenunverträglichkeit und die Notwendigkeit einer glutenfreien Ernährung meist frei erfunden sind – es sei denn, es handelt sich um eine echte Zöliakie. Es gibt einfach keinen guten Grund dafür, Gluten aus eurer Ernährung zu streichen … tatsächlich gibt es vielmehr gute Gründe dafür, weiterhin Weizen und Co. zu essen, insbesondere für Frauen. Wenn Ihr feststellt, dass Ihr regelmäßig unter starken Magen-Darm-Beschwerde leidet, solltet Ihr stattdessen eine FODMAP-arme Ernährung als mögliche Lösung in Betracht ziehen

Quellen

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Diamond, J.M. Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies. New York: Norton, 2005.

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Lis, D.M. et al. (2016). Commercial Hype Versus Reality: Our Current Scientific Understanding of Gluten and Athletic Performance. Verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27399823/ 

Lis, D.M. et al. (2019). Dietary Practices Adopted by Track-and-Field Athletes: Gluten-Free, Low FODMAP, Vegetarian, and Fasting. Verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30632437/

Lis, D.M. (2019). Exit Gluten-Free and Enter Low FODMAPs: A Novel Dietary Strategy to Reduce Gastrointestinal Symptoms in Athletes. Verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30671907/